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Qualitätskriterien
  • Eine ausführliche Diagnostik, welche das mathematische Denken des Kindes erfasst, sowie ein darauf basierender, individuell erstellter Förderplan sind Voraussetzungen für die therapeutische Arbeit.
  • Die Förderung besteht nicht aus der Bearbeitung des aktuellen Schulstoffs, sondern der Schwerpunkt liegt vielmehr darin, die nicht zielführenden mathematischen Denkmuster aufzubrechen und mathematische Grundlagen sowie Einsichten in Lösungsprozesse zu vermitteln.
  • Die Dauer einer Förderung ist vom Einzelfall abhängig. Es kann durchschnittlich von ein bis zwei Jahren ausgegangen werden. Je früher die Problematik erkannt und je eher mit therapeutischen Maßnahmen begonnen wird, desto größer ist die Chance, die Rechenschwierigkeiten zu überwinden.
  • Die Förderung sollte zumindest einmal wöchentlich angeboten werden. Regelmäßige, vom Therapeuten /der Therapeutin empfohlene Übungen zwischen den Fördereinheiten begünstigen den Therapieverlauf maßgeblich.
  • Informationsaustausch und eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern und dem Lehrer/der Lehrerin sind notwendig, um allen Beteiligten Einblick in Therapieverlauf und Fortschritte zu ermöglichen.

Wir möchten auch auf die Qualitätskriterien der Schulpsychologie in der Handreichung "Die schulische Behandlung der Rechenschwäche" verweisen:
http://www.schulpsychologie.at

Anschließend finden Sie weitere detaillierte Ausführungen zu Qualitätskriterien in der Dyskalkulietherapie:


Qualität in der Therapie von Rechenschwäche erfordert adäquate Rahmenbedingungen:

  • Fachkompetenz der therapieanbietenden Person:
    Diese ist durch einen pädagogischen oder psychologischen Grundberuf, zusätzliche dyskalkuliespezifische Fortbildungen, berufliche Erfahrung, soziale Kompetenz und durch  ihren eigenen Zugang zur Mathematik (u.a. Verständnis, entsprechend gute und flexible Grundfertigkeiten, emotionaler und kreativer Zugang) zu begründen.
  • Ebenso erforderlich sind regelmäßige Weiterbildung, interkollegiale und interdisziplinäre Kooperation, positive Einbindung der Eltern sowie das Bemühen um eine konstruktive Zusammenarbeit mit der KlassenlehrerIn.
  • Transparenz bezüglich Kosten und vertraglicher Bindung, Terminfrequenz, der Ziele und Zwischenziele, wie diese erreicht werden sollen sowie Abschätzbarkeit der Therapiedauer.
  • Die Therapie einer Rechenschwäche erfordert eine Einzelbetreuung. Ausnahmen bilden jene Therapieeinheiten, an denen auch Eltern oder andere Bezugspersonen teilnehmen, etwa um ihnen präzise Förderinstruktionen zu vermitteln und sie mit deren Ausführung vertraut zu machen.

Neben den angeführten Rahmenbedingungen erachten wir besonders auch die Erfüllung inhaltlicher Kriterien ausschlaggebend für die Qualität eines therapeutischen Angebots:

  • Qualitative Diagnostik:
    Für die Therapieplanung ist es unerlässlich, die individuellen kindlichen Vorstellungen, deren Umsetzung, die Denkwege, das Lösungsverhalten und somit die mathematischen Stärken und Schwächen zu erheben. Auffälligkeiten, wie etwa ein erhöhter Zeitbedarf, müssen  nicht immer durch Defizite bedingt sein. Oft genug verbergen sich dahinter mathematisch kompetente - wenn offensichtlich auch zeitaufwendige  - Strategien. Auch massive Ausgangsschwierigkeiten verweisen lediglich auf den aktuellen Entwicklungsstand der Rechenfertigkeiten eines Kindes bzw. einer Jugendlichen. Ein direkter Rückschluss auf eine Beeinträchtigung der mathematischen Grundanlagen ist nicht von vornherein zulässig.
  • Emotionstheoretisches Wissen über Rechnen und Gefühle:
    Bei vielen Kindern und Jugendlichen haben sich starke neuronale Assoziationen zwischen mathematischen Aufgaben und intensiven negativen Emotionen, teilweise sogar physiologischen Stresssymptomen, gebildet. bereits der Anblick eines Rechenblattes kann somit einen Zustand "eingeschränkter Rechentüchtigkeit" herbeiführen. Die therapeutische Aufgabe besteht darin, dem Kind sukzessive die erfolgreiche Bearbeitung von "klassischen Rechenaufgaben" zu ermöglichen, denn nur die Erfahrung von Selbstkompetenz kann dabei helfen, Ängste wieder abzubauen.
  • Therapeutische Kernelemente:
    Handeln, Einsicht, Verinnerlichung, Automatisieren, Vorsichtiges Zusehen, zögerliches Angreifen, Mengen von Marienkäfern und Glassteinen erforschen, Hochhäuser aus Hunderter-Platten, "nur einmal" eine Rechnung oder das Auflegen des Materials ausprobieren, Erkennen, Einsicht, wiederholtes Nachprüfen, experimentieren, Fehler machen, Vorstellungen entwickeln, Alltagsbezüge herstellen, schlussfolgern, nachdenken und auf einmal: wissen, wie es geht. Darauf aufbauend kann dann die Automatisierung von Faktenwissen und Rechenprozeduren erfolgen. 
  • Das Material und die Arbeit damit:
    soll Strukturen und Analogien vermitteln, begreifbar, besprechbar und versteckbar sein, manchmal auch angewachsen wie etwa die Finger, und während der Automatisierungsphase schrittweise zurückgenommen werden können.
  • Die Verbalisierung - Versprachlichung - von Denkschritten:
    ermöglicht der Therapeutin Einblick in ihre Richtigkeit und Ökonomie, fördert beim Kind, bei der Jugendlichen die bewusste Wahrnehmung der eigenen Gedankenprozesse und bestärkt zugleich das Vertrauen in deren Richtigkeit. In der Anwendungsphase lässt sich Versprachlichung für eine kontrollierte Verkürzung nutzen, sodass schlussendlich ein möglichst hoher Automatisierungsgrad auch komplexer Operationen erreicht werden kann.
  • Kleinschrittigkeit, Differenziertheit, Transferarbeit, Analogien:
    Erst wenn die Einzelkomponenten einer Aufgabe treffsicher und automatisiert beherrscht werden, ist es sinnvoll, diese auch kombiniert einzuüben. Innerhalb eines Aufgabentyps (wie Zehnerüber-/Unterschreitungen) kann die Schwierigkeit der Items z.B. durch die Auswahl geeigneter numerischer Distanzen berücksichtigt werden. Die Übertragung auf größere Zahlenräume oder komplexere Strukturen erfolgt meist nicht automatisch und ist dann zusätzlich sicherzustellen.
  • Entmathematisierung:
    ist überall dort sinnvoll, wo es scheint, ein Kind verstünde einen bestimmten Sachverhalt einfach nicht. Die Aufgabe wird in eine andere mit gleicher kognitiver Struktur, jedoch ohne mathematischen Bezug, verpackt. Das Kind, die Jugendliche (und die TherapeutIn) können so die positive Erfahrung machen, dass die logischen Anforderungen auf jeden Fall zu bewältigen sind und mit dieser Erkenntnis erneut an die ursprüngliche, mathematische Aufgabe herangehen.
  • Erste Fortschritte:
    sind häufig schon nach einigen Wochen zu beobachten, auch wenn die therapeutische Arbeit noch nicht viel mit den aktuellen schulischen Anforderungen zu tun hat. Die Kinder und Jugendlichen fassen beim Rechnen wieder Zutrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, werden selbstständiger und erledigen ihre Hausübungen oft deutlich schneller als zuvor.

Autorin: Claudia Wieser

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