Startseite › Legasthenie › Erlässe
Erlässe

Legasthenieerlässe in Österreich

Die Lese- Rechtschreibschwäche stellt bislang für viele Schüler/innen ein Handicap für eine erfolgreiche Schullaufbahn dar. Aufgrund negativer Beurteilungen ihrer Schulleistungen können lese- und rechtschreibschwache Schüler/innen häufig nicht jenen Schulabschluss erreichen, der ihrer intellektuellen Begabung entsprechen würde.

Um die Chancen lese- und rechtschreibschwacher Schüler/innen zu verbessern, wurden in den Bundesländern Kärnten, Oberösterreich, Steiermark und Wien bereits in den Jahren 1998-2000 „Richtlinien zur Leistungsbeurteilung lese-rechtschreibschwacher Schüler/innen“ von den jeweiligen Landes- bzw. Stadtschulräten herausgegeben. Im Jahr 2001 folgte vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur (RS Nr. 32/2001, GZ 36.2000/38-SL V/2001) ein bundesweiter Erlass zur "Leistungsbeurteilung bei Lese-Rechtschreibschwäche".

Leistungsbeurteilung bei Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) bzw. Legasthenie - bm:bwk

Inzwischen hat jedes Bundesland entsprechende Legasthenie-Richtlinien sowie auch Modelle zur LRS-Förderung innerhalb und außerhalb des Unterrichts erarbeitet, außerdem werden Fragen zur Berücksichtigung bei der Leistungsbeurteilung behandelt. Informationen erhält man bei den zuständigen Landesschulräten oder im Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur. Als ein Beispiel wird hier die Salzburger Handreichung "Der schulische Umgang mit lese-rechtschreibschwachen Kindern und Jugendlichen im Bundesland Salzburg" angeführt:

Der schulische Umgang mit LRS

Ergänzt werden die Erlässe durch Kommentare von Schul- und Bildungsexpert/inn/en, die in der Handreichung des Bundesministeriums „Die schulische Behandlung der Lese- Rechtschreibschwäche“ herausgegeben wurden.
Die Erlässe in den einzelnen Bundesländern sowie die angeführte Broschüre sind im Internet unter der Adresse: http://www.schulpsychologie.at nachzulesen.

Neben der besonderen Berücksichtigung bei der Leistungsbeurteilung wird der Lese-Rechtschreibschwäche im schulischen Rahmen auch durch spezifische Fördermaßnahmen Rechnung getragen. Innerhalb des Schulunterrichts kann individuelle Förderung von den Klassenlehrer/inne/n durchgeführt werden. Zusätzlich werden an den Schulen einiger Bundesländer spezielle schulische LRS-Kurse angeboten, die je nach Bundesland 1-2 Stunden pro Woche entweder innerhalb oder außerhalb des Unterrichts stattfinden. Diese spezifischen Förderangebote beschränken sich bislang vorwiegend auf den Volksschulbereich.
In der Sekundarstufe finden lese- und rechtschreibschwache Kinder teilweise Unterstützung in allgemeinen Förderkursen. Vereinzelt wird auch in der Hauptschule und AHS schon begonnen, gezielte Förderung durch speziell geschulte KollegInnen durchführen zu lassen.

Legasthenieerlässe Bayern

Richtlinien des bayerischen Kultusministeriums zur Förderung von Schülern mit besonderen Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Schreibens:

Ursachen und Erscheinungsbilder

Die Richtlinien des bayerischen Kultusministeriums unterscheiden drei Gruppen von Kindern mit besonderen Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Schreibens:

  1. Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) 
  2. Lese-Rechtschreibschwäche 
  3. Schüler mit besonderem Förderbedarf

Die dritte Gruppe kann man entsprechend den o.g. Richtlinien nicht zu den eigentlich betroffenen Kindern zählen. Diese Gruppe wird Schülern mit einer Minderbegabung zugeordnet. Sie haben in allen Bereichen des schulischen Lernens Probleme, die die gesamte Schulzeit andauern.

Für die besondere Förderung relevanten Gruppen sind also Gruppe 1 und 2, die es im Weiteren näher zu erläutern gilt.

Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie)

Diese Kinder haben laut den bayerischen Richtlinien eine Störung des Lesens und Schreibens, die entwicklungsbiologisch und zentralnervös begründet ist. Die Lernstörung besteht trotz normal entwickelter Intelligenz und trotz normaler familiärer und schulischer Entwicklung.

Legasthenie wird hier bezeichnet als eine nur schwer therapierbare Krankheit, die zu teilweise erheblichen Störungen bei der zentralen Aufnahme, Verarbeitung und Wiedergabe von Sprache und Schriftsprache führen. Legasthenie ist überdauernd und nicht vorübergehend.

Kombiniert ist die Legasthenie häufig mit verschiedenen Teilleistungsstörungen der Wahrnehmung, der Motorik und der sensorischen Integration.

Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung(LRS)

Im Gegensatz zur anhaltenden Lese-Rechtschreibstörung können Schüler nach den bayerischen Richtlinien ein vorübergehendes legasthenes Erscheinungsbild aufweisen. Ursachen hierfür können Erkrankung, seelische Belastung oder ein Schulwechsel sein.

Feststellung einer Legasthenie bzw. Lese-Rechtschreibschwäche

Grundlage zur Feststellung einer Legasthenie ist eine fachärztliche Bescheinigung eines Kinder- und Jugendpsychiaters über die Untersuchung der einzelnen Achsen der multiaxialen Diagnostik nach ICD 10. Das ICD 10 ist ein Klassifikationssystem psychiatrischer Erkrankungen, dass dem Kinder- und Jugendpsychiater hilft psychische Erkrankungen besser einzuordnen:

  • Achse I: Klinisch-psychiatrisches Syndrom
  • Achse II: Umschriebene Entwicklungsstörung der schulischen Fertigkeiten
  • Achse III: Angaben zur Intelligenz
  • Achse IV: Körperliche Symptomatik
  • Achse V: Aktuelle abnorme psychosoziale Umstände

Vom Kinder- und Jugendpsychiater wird ein Attest ausgestellt, dass auf allen fünf Achsen eine Diagnose enthält. Die Eltern können sich beim Psychiater oder anderem Fachpersonal die Diagnosen erläutern lassen.

Die Diagnose Legasthenie ist also abhängig von einer umfangreichen Untersuchung beim Kinder- und Jugendpsychiater.

Liegt das Attest eines Kinder- und Jugendpsychiaters vor, muss dann der zuständige Schulpsychologe über die Anerkennung einer Legasthenie entscheiden. Wer der zuständige Schulpsychologe ist, erfragt man am besten beim Beratungslehrer der Schule oder direkt beim zuständigen Schulamt.

Die Anerkennung einer Lese-Rechtschreibschwäche erfolgt durch den zuständigen Schulpsychologen. Die Überprüfung erfolgt in der Regel alle zwei Jahre.

Nachteilsausgleich in der Schule

Schüler mit einer anerkannten Legasthenie sind von allen Leistungsbeurteilungen, die ausschließlich der Feststellung der Rechtschreibkenntnisse dienen, zu befreien. Darüber hinaus muss diesen Kindern und Jugendlichen bei der Erledigung schriftlicher Arbeiten auch in anderen Fächern geholfen werden. In Fach Mathematik muss ggf. den Legasthenikern Textaufgaben zum besseren Verständnis vorgelesen bzw. auf ein Tonband aufgenommen werden. Für alle Fächer, in denen schriftliche Leistungen erbracht werden müssen, ist die Lehrkraft verpflichtet, dem Legastheniker einen Zeitzuschlag zu gewähren. Im Fach Englisch ist ebenfalls von einer ziffernmäßigen Bewertung der schriftlichen Leistungen abzusehen.

Bei Schülern mit einer Lese- Rechtschreibschwäche liegt es im Ermessensspielraum des Lehrers, ob ein Nachteilsausgleich gewährt wird. Hier kann der Lehrer auf die Lese-Rechtschreibschwäche Rücksicht nehmen, ist aber nicht in jedem Fall dazu verpflichtet.

Anmerkungen zu den bayerischen Richtlinien

Die o.g. Richtlinien des bayerischen Kultusministeriums brachten auch in Bayern die längst fälligen einheitlichen Regelungen im Umgang mit Legasthenikern. Positiv zu bewerten ist, dass in den Richtlinien klare und unmissverständliche Anweisungen zum Umgang mit Legasthenikern stehen. Die Legasthenie ist also auch in Bayern anerkannt. Auch die strenge Trennung der Diagnose von Schule und Fachkräften ist ein Forschritt. Diese Trennung ermöglicht es "unabhängigen" Instanzen, auf die Diagnose Legasthenie Einfluss zu nehmen. Die Schule kann sich also nicht ihre "eigene" Klientel schaffen.

Einige kritische Punkte bleiben allerdings anzumerken. Nicht ganz überzeugen kann die künstliche Trennung von sog. Legasthenikern und Kindern mit "nur" einer Lese- Rechtschreibschwäche. Diese Unterscheidung erscheint oft allzu künstlich. Auch der Hinweis auf das vorübergehende legasthene Erscheinungsbild wirkt sehr willkürlich. Empirische Belege einer nur vorübergehenden Legasthenie sind mir nicht bekannt. Richtig ist anzunehmen, dass es schwere oder leichtere Ausprägungen von Legasthenie gibt, die unterschiedliche Auswirkungen auf Therapie und Umgang im Unterricht haben.

Hinter dieser künstlichen Unterscheidung steckt vermutlich die positive Absicht, auch den Kindern Fördermaßnahmen oder einen Nachteilsausgleich zukommen zu lassen, die nicht unter die strengen Kriterien fallen, die die Kinder- und Jugendpsychiater zur Feststellung einer Legasthenie anlegen. Allerdings haben diese sog. nur lese- rechtschreibschwachen Schüler nur nach Ermessen des Lehrers bzw. der Schule einen Nachteilsausgleich.

Nicht unproblematisch ist ebenfalls die Differenzierung der Gruppe der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Diese Kinder haben eine allgemeine Lern-Leistungsschwäche. Allerdings lassen sich auch bei dieser Gruppe Schüler finden, deren Lese-Rechtschreibleistungen außerordentlich schlecht sind und die deswegen besonderer Förderung bedürfen.

Weiterhin bleibt kritisch anzumerken, dass der Schweregrad und die individuelle Ausprägung durch unterschiedliche Kombinationen von Teilleistungsschwächen gekennzeichnet sind. Es werden explizit die Teilleistungsschwächen Wahrnehmung, Motorik und sensorische Integration genannt. Dadurch entsteht der Eindruck Legasthenie könne durch das Trainieren der Teilleistungsfertigkeiten therapiert werden. Ein Ansatz, dessen empirische Evidenz nicht bewiesen ist.

Nach oben